Der ungläubige Thomas

Die Predigt von Pfarrer Andreas Schiel über Johannes 20, 19 – 29 (– 31) zum ökumenischen Livestream-Gottesdienst in St. Dominicus am 19. April 2020

Liebe ökumenische Geschwister, liebe ChristInnen zu Hause! 

„Er trat in ihre Mitte“, so lautet das Thema heute. Das wäre etwas, wenn Jesus jetzt in unsere Mitte treten würde! Jesus, für jede und jeden am Bildschirm sichtbar, unverkennbar er. Oder noch besser: Jesus bei Ihnen in der Wohnung, in allen Wohnungen zugleich! Alle Fragen hätten ein Ende, Zweifel wären wie weggewischt. Denn er ist da, mitten unter uns. Was für ein österliches Ereignis! 

Aber da melden sich schon die ersten Zweifel: In den Wohnungen? Wie soll das gehen? Die Geschichte, die wir gerade gehört haben, ereignete sich am Abend des Ostersonntags vor fast 2.000 Jahren, nicht heute. Das ist doch unglaublich! Das war damals, das passiert heute nicht mehr. Mit diesen Zweifeln tritt Thomas auf. Thomas, der nicht glauben kann, dass Jesus wieder lebendig geworden und den anderen Jüngern erschienen ist. Er war nicht dabei, als Jesus erschien. Wie kann er glauben, was einfach unglaublich ist. Oder zumindest damals unglaublich war. 

Sagen Sie nicht, „aber es steht doch in den Evangelien, dass Jesus auferstanden ist“. Das stimmt. Aber die Evangelien wurden erst Jahrzehnte später geschrieben. Thomas äußerte seine Zweifel am Ostersonntag, als noch niemand etwas anderes denken konnte, als dass Jesus gestorben war. Als auch Maria Magdalena und andere den Auferstandenen anfangs nicht erkannten und auch an anderen Stellen in den Evangelien von Zweifel und Unglauben unter den Jüngern die Rede ist. 

Hat Thomas nicht Grund zu zweifeln? Nein, lautet die einhellige Meinung der Kirchen. Wie kann er daran zweifeln, dass Jesus auferstanden ist? Das ist doch die Grundlage unseres Glaubens! Und so wird er der „ungläubige Thomas“ genannt. 

––– 

Aber schauen wir uns die Erzählung in der Bibel genauer an: Da ist überhaupt nicht die Rede von „Thomas dem Zweifler“ oder gar dem „ungläubigen Thomas“. Er wird schlicht „der Zwilling“ genannt, „Thomas der Zwilling“. Aber wer ist sein Zwilling? Ich weiß nicht, wie es Ihnen und Euch geht, aber ich fühle mich bisweilen wie sein Zwilling. Ich kann seine Haltung gut verstehen. Denn er zieht in Zweifel, was wirklich unglaublich ist. 

Nehmen wir mal an, wir kommen abends nach Hause, und die Familie empfängt uns ganz aufgeregt mit den Worten, Jesus sei gerade da gewesen. Ja, es sei wirklich Jesus gewesen. Sie hätten ihn sofort erkannt. Wie würden wir da reagieren? Jesus in unserer Wohnung? Nicht in der St. Dominicus-Kirche oder der Martin-Luther-King-Kirche, das mag vielleicht noch angehen. Nein, bei uns zuhause in der Wutzkyallee, im Löwensteinring oder im Glockenblumenweg. Also ehrlich: Das sollen wir glauben? Würden wir nicht – ganz wie Thomas – sagen: „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“

Jesus bei uns zuhause?! Das ist genauso unglaublich wie die Behauptung der Jünger am Abend des Ostersonntags. Damals, als alles unglaublich neu war. Es ist kein Wunder, dass dem Thomas Zweifel kamen und er Beweise sehen wollte. Und wie reagiert Jesus? Jesus weist die Forderung des Thomas nicht ab, sondern erfüllt sie. Er lässt sich von Thomas sehen und „begreifen“, damit auch Thomas die Auferstehung Jesu „begreifen“ kann. Jesus reagiert nicht empört, er nimmt den Zweifel ernst. Er zerstreut ihn durch sein Erscheinen. 

Liebe ökumenische Geschwister, wir brauchen in der Kirche nicht nur Menschen, die bedingungslos, die ohne Fragen glauben. Wir brauchen auch die anderen, die Zweifel äußern, die nachfragen. Die verstehen wollen, was sie glauben. Die alte Glaubensgewissheiten hinterfragen und so den Glauben voranbringen. Wir brauchen Menschen wie Thomas von Aquin oder Martin Luther, Karl Rahner oder Dietrich Bonhoeffer. Ich bin froh, dass Jesus dem Thomas erschienen ist. Zeigt er uns doch damit, dass Zweifel nicht verboten sondern erlaubt sind. Weil sie menschlich sind. Denn Hand aufs Herz, wer von uns hätte nicht auch bisweilen Zweifel?! 

––– 

Jesus nimmt den Zweifel von Thomas ernst. Und damit nimmt er ihm die Last ab, die Thomas sicher bedrückt hat: Wie konnte er nur zweifeln, wenn die anderen Jünger glauben?! Aber wie soll er glauben, was er weder gesehen hat noch verstehen kann. Ganz fürsorglich wendet sich Jesus dem Thomas zu. Das wird deutlich in einer Bronzeskulptur des Künstlers Ernst Barlach, die in der Dreieinigkeitskirche steht: 

Jesus greift Thomas unter die Arme und stützt ihn. War Thomas Jesus zu Füßen gefallen? Das sehen wir nicht mehr, wir ahnen es nur. Aber Jesus richtet ihn aus der gebückten Haltung wieder auf. Stellt ihn auf seine eigenen Füße. Und hält ihn dabei fest. „Du weißt jetzt, dass ich lebe. Hast festen Boden unter deinen Füßen. Du kannst glauben, ohne zu zweifeln. ‚Sei nicht ungläubig, sondern gläubig!‘“ Den letzten Satz sagt Jesus aber nicht vorwurfsvoll, tadelnd, sondern ganz im Einklang mit der Geste des Aufhebens: liebevoll, fürsorglich. 

Und Thomas hält sich an Jesus fest. Mir scheint fast, als klammere er sich an ihn. Oder will er ihn umarmen? Der zweifelnde Jünger umarmt den Auferstandenen. Und spricht als erster in den Erscheinungsgeschichten des Johannesevangeliums das Bekenntnis aus, aus dem wir Christinnen und Christen leben: „Mein Herr und mein Gott!“ Nicht Maria Magdalena, nicht Petrus und auch nicht der Jünger, den Jesus lieb hatte, sagen es, sondern Thomas der Zweifler, der jetzt glauben kann! 

„Das Wiedersehen“ hat Ernst Barlach die Bronzeskulptur genannt. Ein „Wiedersehen“ nach einer schmerzlichen Zeit der Trennung und des Zweifels. Aber jetzt ist alles klar! „Mein Herr und mein Gott!“ Vielleicht entdecken Sie noch andere Aspekte in der Skulptur. Wir können sie uns in der Dreieinigkeitskirche anschauen, wenn sie wieder normal geöffnet ist. 

––– 

Bleibt noch eins: Thomas konnte den Auferstandenen sehen und damit „begreifen“, was geschehen war. Er fand so zu seinem Bekenntnis, das alle Zweifel hinter sich ließ. Uns aber, liebe ökumenische Geschwister, bleibt der Satz Jesu: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Wir müssen an die Auferstehung glauben, ohne den Auferstandenen zu Gesicht zu bekommen. Oder gibt es auch für uns diese Möglichkeit? 

Ich denke schon. Denn in seiner ersten Erscheinung sagt Jesus zu den Jüngern: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch... Empfangt den Heiligen Geist!“ Mit diesen Worten sendet Jesus seine Jünger aus, damit sie an seiner Stelle wirken. In und 

mit den JüngerInnen geht Jesus von nun an weiter in die Welt. Das heißt doch: Jesus lebt und wirkt in seiner Gemeinde weiter. Lebt und wirkt in uns. In der Gemeinschaft der ChristInnen in der Welt und hier vor Ort in der Gropiusstadt in unseren drei Gemeinden. In den Hauskreisen und Familien, die sich jetzt in der Corona-Krise zu Hause treffen, und in allen Menschen, die sich zu Christus bekennen – und auch darüber hinaus. 

Dietrich Bonhoeffer hat das einst so formuliert: Jesus Christus existiert nicht irgendwo, sondern mitten in der Welt in seiner Gemeinde. Wir alle sind Christus, so wie er jetzt sichtbar ist. Und sollte manchen bei so einem großen Satz jetzt Zweifel kommen, das macht nichts. Jesus hält unsere Zweifel aus, so wie damals bei Thomas. Und so wie damals hält er uns und richtet uns auf und zerstreut unsere Zweifel. Denn er lässt sich sehen und „tritt in unsere Mitte“ – in der Gemeinde, in den Menschen, denen wir begegnen. Amen. 

„Das Wiedersehen“, Bronzeskulptur von Ernst Barlach, 1930
Aufnahme aus der evangelische Dreieinigkeitskirche, Berlin-Neukölln (Gropiusstadt)