Ich hoffte auf Licht

Aber wird man nicht die Hand ausstrecken unter Trümmern und nicht schreien in der Not? 
Weinte ich nicht über den, der eine schwere Zeit hat, 
grämte sich meine Seele nicht über den Armen? 
Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse; 
ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis. 
In mir kocht es und hört nicht auf; 
mich haben überfallen Tage des Elends. 
Ich gehe schwarz einher, doch nicht von der Sonne; 
ich stehe auf in der Gemeinde und schreie. 
Ich bin ein Bruder der Schakale geworden und ein Geselle der Strauße. 
Meine Haut ist schwarz geworden und löst sich ab von mir, 
und meine Gebeine sind verdorrt vor hitzigem Fieber. 
Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden 
und mein Flötenspiel zum Trauerlied. 
Hiob 30,24–31

 

Ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis

 

Liebe Leserinnen und Leser,

in mir spüre ich die Aufregung angesichts der neuen Lage. Der Alltag hat sich vollkommen geändert. Und merke es auch bei anderen, wie die Botschaft vom Corona-Virus an uns nagt - in ganz unterschiedlicher Weise. 

In der Gemeinde haben wir alle Gottesdienste und Veranstaltungen abgesagt, weil sie verboten wurden - zu recht! Lasst uns alle dazu beitragen, dass wir das Virus nicht weiterverbreiten oder zumindest nicht so schnell! Vermeiden wir alle Kontakte, die nicht notwendig sind! Hoffen wir, das wir um eine schlimme Katastrophe herumkommen!

Und doch schmerzt es mich sehr. Auch nicht unsere Passionsandacht kann ich mit Ihnen feiern, die mir so sehr am Herzen lag. Doch jetzt leben wir die Texte noch einmal auf ganz neuer Weise! 

Anstelle der Ermutigung und Hoffnung kommt der größte Einschnitt in unser Leben hinein seit dem Krieg, von dem die ältere Generation noch weiß. „Wir haben den Krieg überlebt, dann werden wir das jetzt auch hinkriegen.“ Was für eine tolle Einstellung! 

Ja, wenn „das Böse“ und „die Finsternis“ über uns kommen, wissen wir, dass sie nicht ewig bleiben. Doch liebe Frauen und Männer, die den Krieg überlebt haben: wie habt Ihr das geschafft? Worauf habt Ihr geachtet? Wie habt Ihr Euch gegenseitig ermutigt?

Und: Worauf müssen wir heutzutage achten? Denn der Feind ist nicht sichtbar. Hinterrücks und im Verborgenen greift er an. Unsichtbar. Unfassbar.

Worauf müssen wir heute achten? 

In der Not nicht zusammenrücken, sondern Distanz halten! Was für eine Herausforderung!
Nur sehr langsam begreifen wir in unserer Gesellschaft, dass wir uns im Verborgenen halten müssen, um dem Feind zu entgehen und unser Gesundheitssystem aufrecht erhalten zu können.
Von Tag zu Tag lernen wir hinzu. 

Und wie Hiob werden wir auf eine harte Probe gestellt.
„Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse;
ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis.“
Was für eine fürchterliche ‚Hiobsbotschaft’ hat uns eingeholt!
Da bleiben mir die Worte weg. 

Und ich finde Worte von Dietrich Bonhoeffer, die mir weiterhelfen:

 

Gott, zu Dir rufe ich!
Hilf mir beten und meine Gedanken zu Dir zu leiten – 
ich kann es nicht allein.
In mir ist es finster,
doch bei Dir existiert das Licht.

Ich bin einsam,
Du aber verlässt mich nicht.

Ich fühle mich kleinmütig,
jedoch bei Dir gibt es Hilfe.

Ich bin unruhig,
aber bei Dir herrscht Frieden.

In mir ist Bitterkeit,
bei Dir hingegen regiert die Geduld.

Ich verstehe Deine Wege nicht,
aber Du weist mir den Weg!

Lied

Befiehl du deine Weg

und was dein Herze kränkt,

der allertreusten Pflege,

des der den Himmel lenkt,

der Wolken, Luft und Winde

gibt Wege, Raum und Bahn,

der wird auch Wege finden,

da dein Fuß gehen kann.

 

Dem Herren musst du trauen,

wenn dir's soll wohlergehn; 

auf sein Werk musst du schauen,

wenn ein Werk soll bestehn. 

Mit Sorgen und mit Grämen

und mit selbsteigner Pein

lässt Gott sich gar nichts nehmen,

es muss erbeten sein.

 

Dein ewge Treu und Gnade,

o Vater, weiß und sieht,

was gut sei oder schade

dem sterblichen Geblüt;

und was du dann erlesen,

das treibst du, starker Held, 

und bringst zum Stand und Wesen,

was deinem Rat gefällt.

 

Paul Gerhardt, Pfarrer und Lyriker 1607-1676